Empathischer Individualismus – Werden wir immer egoistischer?

Herr Horx, werden wir immer egoistischer?

Der Fehler ist die Verwechselung von Egoismus mit Individualität. Individualisierung ist die Ausformung des Eigenen, die Entwicklung des Charakters. Das hat viel mit Reife zu tun und mit sozialer Intelligenz. Ohne Individualität können wir nicht sozial sein, denn dann gibt es nur Abhängigkeit, Hörigkeit. Aber vielleicht sind die gängigen kulturpessimistischen pessimistischen Zeit-Diagnosen auch in einer ganz anderen Weise falsch. Insofern, als wir nicht zu wenig, sondern ZU VIEL Empathie haben. Wir werden rund um die Uhr von den Medien mit Schrecken versorgt, und das verwirrt unser inneres Sympathiesystem. Mit wem sollen wir mitfühlen? Wem sollen wir unsere Empathie schenken, bei all dem Leid? Kognitionsforscher haben festgestellt, dass besonders mitfühlende Menschen dazu neigen, ein starres „Wir" zu konstruieren. Der bösartige Populismus, den wir heute erleben, ist eine Art Fehlsteuerung der Empathie. Man liebt „die Seinen" und wertet alle anderen ab, bis hin zum Hass. Das ist eine Art Re-Tribalisierung, oder auch eine Art kollektiver Egoismus.

Vor wenigen Jahrzehnten noch hatten Werte wie Pflichterfüllung und Leistung Priorität. Heute wollen mehr als 80 Prozent der Deutschen „das Leben genießen“. Welche Gründe sehen Sie hierfür?

Hedonistische Einstellungen, also Orientierung am Lebensgenuss, sind das Merkmal des Wohlstands, er befreit aus Normen und Zwangsverhältnissen – im Namen der Pflicht ist ja auch Tyrannei leicht möglich. Allerdings gibt es auch den Effekt der „hedonistischen Abnutzung“, wir kennen das alle aus der Erfahrung, dass die zweite Flasche Rotwein eben nicht mehr so gut schmeckt wie die erste, und wenn man sein ganzes Leben ausschließlich auf Genuss ausrichtet, wird es irgendwann schrecklich fad und öde. An diesem Punkt sind wir heute, weil Konsum und Kommerzialisierung so radikal fortgeschritten sind, dass alles verspaßt und profanisiert wird, auch der Genuss, der ja eigentlich etwas mit Geschmack, Unterscheidung und Individualität zu tun hat. Deshalb kommen die Sehnsüchte nach Sinn, Transzendenz und Beziehung immer wieder zurück.

Sie beobachten den Erziehungstrend hin zu mehr Eigensinn. Autonomie ist wichtiger als Treue. Spaß haben wichtiger als Verantwortung zu tragen. Birgt dieses Verhalten in einer Gesellschaft nicht auch Gefahren? Sprechen wir von Werteverfall?

Werte können nicht verfallen, sie werden aber in unterschiedlichen Gesellschaftsformen lediglich immer wieder neu beschrieben und definiert. Seit der 68er-Revolte ist Kindererziehung tatsächlich weniger repressiv und autoritär, sucht eher nach Konsens und Förderung. Das kann man allerdings auch übertreiben, wie das Phänomen der Helikopter-Eltern zeigt, die ihre Kinder für den höchsten Ausdruck ihrer eigenen Selbstverwirklichung halten und aus ihnen narzisstische Prinzen und Prinzessinnen machen. Das ist dann wirklich egoistisch. Aber mit Wertezerfall hat das nichts zu tun, eher mit einer Übertreibung und Extremisierung von Fürsorgegefühlen. Was ich eher als Gefahr sehe, sind die narzisstischen Illusionen, die durch das Internet entstehen. Wer 10.000 Freunde auf Facebook hat, ist oft schrecklich einsam. Wir brauchen neue Beziehungskultur-Techniken für das digitale Zeitalter, in denen wir uns von der Illusion verabschieden, man könnte seine soziale Existenz sozusagen digital ersetzten.

Sie nehmen eine Gegenbewegung zu dieser Entwicklung wahr. Wie kennzeichnet sich diese?

Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend, und aus Trend und Gegentrend entstehen neue Synthesen – so entwickelt sich Fortschritt in Richtung höherer Komplexität. Heute gibt es viele neue, „individualisierte" Kooperationsformen, die sich mit der Vorsilbe „Co-" verbinden: Co-Working, Co-Gardening, Co-Living, Co-Mobilität. Menschen kooperieren in der modernen Gesellschaft mehr denn je, nur wollen sie dies auf der Basis von mehr Freiheit und Variabilität tun. Mehr denn je suchen die Menschen nach Liebe und Bindung, aber man möchte nicht mehr seine eigene Identität am Traualtar abgeben. Damit entsteht ein neues Liebesideal, bei dem man sich mit und durch den Partner selbst individuell weiterentwickelt. Ich nenne das die „co-evolutionäre Liebe".